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www.spiegel.de “abgehoert – neue – musik”

[ 0 ] November 1, 2016 |

“Mit “Flotus”, ihrem elften Album, legen sich Lambchop eine völlig neue Klangsignatur zu”

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Lambchop – “Flotus”
(City Slang, ab 4. November)

Mal im Ernst: Wer hat von einer Lambchop-Platte noch wirklich Neues erwartet? Elegantes Songwriting, klar. Dass sie mal angejazzte Klavierparts, mal soulige Harmonien eingemeinden, das auch. Ansonsten hat die Band um den warmherzig grummelnden Kurt Wagner ihren Sound gefunden. Seit “Nixon” (2000) und “Is A Woman” (2002) verwalten sie ihren Status als Säulenheilige des Alternative Country. Das ist freilich nicht verkehrt, wenn man Kurt Wagner ist. Wenn man es wie kein anderer versteht, dem schnapsgesalbten Country seiner Heimatstadt Nashville den Kitsch zu nehmen und so eigen- wie feinsinnige Songs daraus zu machen. Nur: Über die Jahre haben sich Lambchop damit in die Egalheit gespielt.

Aber jetzt das: Mit “Flotus”, ihrem elften Album, legen sich Lambchop eine völlig neue Klangsignatur zu, die mehr mit Wagners elektronischem Neben-Projekt HeCTA (2015) zu tun hat als mit der süffigen Opulenz Lambchops.

Wie es dazu kam? Kurt Wagner war bei einem Konzert des Hip-Hop-Duos Shabazz Palaces so begeistert von deren Autotune-Effekt, dass er ihn sich im nächsten Musikladen gleich selbst besorgt hat. Um seine Stimme zu sampeln, durch allerlei Filter zu jagen und daraus Beats und ganze Songgerüste zu zimmern, hat er sich außerdem in die Aufnahmesoftware “Ableton Live” generdet. Innerhalb von drei Monaten ist so das Material für “Flotus” entstanden.

In Stücken wie “NIV” schwirren nun Wagners Gesangsschnipsel durch den Raum, als würde Siri alte Lambchop-Songs singen, dazu analoge Klicks und Klacks aus der Beatbox. Wagners Stimme, die ohnehin klingt, als würden ihm die Silben über die Lippen kullern, wirkt damit noch fragiler. Erst recht, wenn er Raymond-Carver-artige Zeilen wie diese singt: “We’ve once all fucked up in an old laundry room” (“JFK”).

Autotune hin oder her, Lambchop drehen sich nach wie vor gerne auf links. In “Writer” etwa torkelt die Bassdrum vor sich hin, der Gesang liegt hübsch neben der Spur und ein Saxofon grantelt in den tieferen Oktaven. Umso geradliniger “Relatives #2″: Die Drums kicken das Stück auf die Tanzfläche, wo Klavier und Gitarre ihre Kreise ziehen. “I saw a new path/ Through the flight path/ It looked like booze over the moon/ The skies above are falling.” Willkommen in der Existenzialisten-Disco.

Lambchop sind nicht die einzigen, die mit einem großartigen Spätwerk überraschen. Im Frühjahr erst klangen die Tindersticks auf “The Waiting Room” so aktuell wie lange nicht. Noch deutlicher haben Low mit “Ones and Sixes” (2015) ihren Sound renoviert. Allesamt finden sie auf ihren neuen Alben Anschluss an die Soundästhetik dieser Tage. Als wollten sie ihren Namen in den Pop-Annalen noch mal unterstreichen.

Ein Va-Banque-Spiel, das Lambchop mit dem 18-minütigen Schlusstrack “The Hustle” nachhaltig für sich entscheiden: Über fünf Minuten baut sich ein kleinteiliges Geflecht aus elektronischen Stakkatos und hart angeschnittenen Flötentönen auf, ehe der Bass-Synthesizer in die Magengegend drückt und alles in eine samtene Kakophonie zerfließt. Wie aus dem Nichts bekennt Wagner: “I don’t want to leave you ever.” Wozu auch? (8.5) Josef Wirnshofer

Category: News, Press & Reviews

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